Über die “große” Grenze

Karte Maine Gestern Mittag haben wir Kanada auf unbestimmte Zeit verlassen. Bei Calais gingen wir über die Grenze nach USA in den Staat Maine. Außer uns hatten das nicht sehr viele andere vor, sodass wir schnell an der ersten Passkontrolle waren. Woher, wohin, wie lange? Bitte auf Spur 2 fahren und warten, bis ein Officer kommt. Der kam umgehend und bat uns, mit in das Abfertigungsgebäude zu gehen. Ob wir den Camper verschifft hätten? Das schien ihn zu beeindrucken. Drinnen wurden uns zwei Formulare (I-94W) ausgehändigt (übliche Vorgehensweise, wenn man auf dem Landweg einreist) und wir mussten ankreuzen, ob wir schon im Gefängnis gewesen sind, ob uns schon einmal ein Visumantrag nicht genehmigt worden ist, ob wir in Sabotage- oder Spionagefälle verwickelt waren, ob wir vorhaben zu arbeiten, ob wir drogenabhängig sind oder mit Drogen handeln oder es vorhaben etc… i-94w_deutsch Wenn man irgendwo wahrheitsgemäß oder aus Versehen mit Ja antwortet, darf man wohl wenden und wieder dahin zurückfahren, wo man hergekommen ist. Wer die wirklich interessanten Fragen im Detail sehen möchte, auf dem Foto gibt es eine übersetzte Version. 

Dann wurden wir gebeten, erst die rechte Hand  mit gestreckten und zusammenliegenden Fingern auf einen Scanner zu legen, dann den rechten Daumen. Und da es ja vorkommen könnte, dass einem die rechte Hand abhanden kommt, das gleiche noch einmal mit links. Dann Brille abnehmen und in eine Fotolinse schauen. Der Immigration Officer sah unseren ausgefüllten Fragebogen an, fragte ebenfalls, woher, wohin, wie lange UND ob wir in einem der Länder im Nahen Osten gewesen wären. Seit Anfang 2016 sind die Einreisebestimmungen verschärft worden, sodass Reisende, die in den vergangenen 5 Jahren in Iran, Irak, Sudan oder in Syrien waren, nicht mehr mit dem sog. Touristenvisum (Visa-Waiver-Programm) einreisen dürfen, sondern vorher bei einem US-Generalkonsulat ein “richtiges” Visum beantragen müssen. Wir konnten mit gutem Gewissen nein sagen und hatten ja auch keine entsprechenden Stempel im Pass. Wie lange wir bleiben wollen? 6-8 Wochen, sagten wir. Dann würden uns die 90 Tage also reichen? Wir waren etwas verdattert. Hätte er uns mehr als 90 Tage genehmigt??? Danach wurden wir gebeten, pro Person 6 Dollar zu bezahlen, cash oder per Kreditkarte, bekamen unsere Stempel und wurden darauf aufmerksam gemacht, dass der in die Pässe eingeheftete Abschnitt des grünen Formulars bei der Wiedereinreise nach Kanada dem kanadischen Grenzbeamten ausgehändigt werden muss. Es wird dann an die US-amerikanische Behörde geschickt und somit ist klar, dass wir das Land wieder verlassen haben. Dann wünschte er uns eine gute Reise, fragte noch, welchen Campingplatz wir als nächstes anfahren wollen und entließ uns. KEINE Fragen nach Waffen, Feuerholz, Alkohol, Drogen, Obst und Gemüse! KEINER wollte unser Wohnmobil von innen anschauen! Weder die Fahrzeugpapiere noch das Kennzeichen waren von Interesse. Auch nicht, ob wir eine amerikanische Versicherung für das Fahrzeug vorweisen können oder ob wir einen Internationalen Führerschein besitzen. Wir waren sehr verwundert. Fire PitUschi hatte extra unsere Äpfel noch zu Kompott verarbeitet, das Gemüse blanchiert, das Feuerholz hatten wir verfeuert! Wir hätten Menschenschmuggel betreiben können! Sehen wir sooo harmlos und vertrauenerweckend aus???

 
Beim nächsten Walmart frühstückten wir auf dem Parkplatz und gingen einkaufen. In der Gemüseabteilung sprach uns eine ältere Frau auf deutsch an und fragte, ob wir aus Deutschland seien. Sie sei zwar in Kanada geboren, aber ihre Eltern seien Deutsche gewesen (Mennoniten, wie sich herausstellte) und sie sei deutschsprachig aufgewachsen. Leider habe sie zu wenig Gelegenheit, deutsch zu sprechen. Wir gaben ihr unsere Blogadresse und sagten, dass wir uns über einen Kommentar von ihr freuen würden. Egal, ob in deutsch oder in englisch!

kanadische und amerikanische Flaggekanadische und amerikanische Flagge 

Jetzt waren wir also in den USA! Die Landschaft veränderte sich nicht, die Häuser blieben gleich. Auffallend war die noch höhere Präsenz amerikanischer Flaggen im Vergleich zu den kanadischen. Praktisch an jedem Haus weht ein Stars and Stripes-Banner oder eine Flagge. An einer Landstraße zwischen zwei Ortschaften war an jedem zweiten Telefonmast eine befestigt! Das sieht man in Deutschland höchstens zur Fußballwelt- oder Europameisterschaft und es käme uns vermutlich auch sehr seltsam vor, wenn es anders wäre. Eine Stunde wurde uns geschenkt, denn wir sind jetzt nicht mehr in der “Atlantic Time”-Zeitzone, sondern in “Eastern Time”. Das heißt, der Abstand zu Deutschland ist von 5 Stunden auf 6 Stunden gewachsen. Von Kilometern müssen wir uns jetzt wieder auf Meilen umstellen, von Litern auf Gallonen. An der Straße stehen wieder vermehrt Polizeiautos Kontrolle. In Kanada haben wir in 5 Wochen kein einziges Polizeifahrzeug gesehen! Gesehen haben wir – leider – auch keinen Weißkopfseeadler, keinen Elch, keinen Bären, keinen Wal! Dafür aber, bei unserem letzten Aufenthalt in Kanada, ein Reh direkt neben der Straße vom Campingplatz in den Ort. Wir wissen ja von unserer letzten Nordamerikareise, dass die amerikanischen Rehe nicht sonderlich ängstlich sind und auch gerne mal quer über einen Campground laufen. Aber so nah hatten wir nun doch noch keins gesehen! Es ließ sich nicht beim Fressen stören, das Gras neben der Straße war wohl besonders saftig. Die Frau vor uns machte ein Handyfoto und lief weiter. Als wir kamen, sah das Reh uns an, entschied, dass wir harmlos (!) und vertrauenerweckend (!) aussahen und fraß weiter. Wir standen ihm genau gegenüber, es kümmerte sich nicht um uns. Erst als ich es laut mit “Hi, guy!” anredete, hob es den Kopf und schaute zu uns rüber. Als mehr nicht passierte – fraß es weiter…

St. Andrews-by-the-seaSt. Andrews-by-the-sea St. Andrews-by-the-sea

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

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